Europaweit gegen neue Coronaviren

Mutationen von Sars-CoV-2 erhöhen die Dringlichkeit, die Covid-19-Fallzahlen in ganz Europa konsequent zu senken

28. Januar 2021

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Europa fordern einen Aktionsplan, um die Covid-19-Fallzahlen in ganz Europa koordiniert zu senken. Konkret plädieren sie dafür, eine sieben-Tage-Inzidenz von etwa zehn Fällen pro 100.000 Einwohnern und Woche anzustreben. Gerade angesichts der neuen Varianten des Coronavirus Sars-CoV-2 halten sie ein entschiedenes und europaweit abgestimmtes Vorgehen für geboten, um die Pandemie einzudämmen. Viola Priesemann (Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation), Melanie M. Brinkmann (Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung) und Clemens Fuest (ifo Institut) erläuterten die Vorschläge in einer Pressekonferenz des ifo Instituts.

Hand in Hand über ganz Europa. Wissenschaftler auf dem gesamten Kontinent plädieren für paneuropäische Aktivitäten gegen die Covid-19-Pandemie.

Die Welt wird auf absehbare Zeit mit dem Coronavirus leben müssen, zumindest bis große Teile der Bevölkerung gegen Covid-19 geimpft sind. Die bisherige Entwicklung in Europa zeigt zudem, dass sich die Pandemie nicht in den Griff bekommen lässt, wenn die Länder unabgestimmt vorgehen. Denn das Virus kennt keine Grenzen und wird sich immer wieder von Regionen mit hohen Fallzahlen in Gebiete ausbreiten, in denen es vorübergehend nur wenige Infektionen gab. Neue Virusvarianten wie etwa B.1.1.7 aus Großbritannien könnten die bisherigen Erfolge im Kampf gegen die Pandemie gefährden und das Infektionsgeschehen weiter anfachen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zahlreichen europäischen Ländern erläutern ihre Forderun-gen nach einem gemeinsamen europäischen Vorgehen daher in einem Posi-tionspapier in der Fachzeitschrift The Lancet.

„Je niedriger die Fallzahlen, desto einfacher ist die Kontrolle der Pandemie, desto mehr Freiheiten können wir uns erlauben und desto besser für die Wirtschaft“, sagte Viola Priesemann, die am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation eine Forschungsgruppe leitet, auf der Pressekonferenz des ifo Instituts zu dem Positionspapier. Nur bei niedrigen Fallzahlen könnten die Gesundheitsämter das Infektionsgeschehen durch konsequentes Testen, Nachverfolgen der Kontakte und Isolieren eindämmen. Wie drastisch neue Virusformen wie etwa B.1.1.7 dieses Vorgehen erschweren, erläutert sie mit einer Rechnung: Derzeit verdichten sich die Hinweise, dass der R-Wert für die neue Variante um 0,3 höher liegt als für die bisher vorherrschende Form. Wenn der R-Wert dann etwa 1,3 statt nur wenig über 1 beträgt, verdoppeln sich die Infektionszahlen wöchentlich statt alle vier Wochen. Gerade um die Ausbreitung solcher Varianten kontrollieren zu können, seien daher niedrige Fallzahlen nötig.

Nicht der Lockdown, das Virus bremst die Wirtschaft

Melanie M. Brinkmann, Leiterin der Abteilung Virale Immunmodulation am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, weist zudem darauf hin, dass hohe Fallzahlen auch die Aussicht gefährden können, dass sich die Pandemie durch eine Impfung kontrollieren lässt. Denn wenn es viele neue Infektionen gebe, während gleichzeitig bereits viele Menschen geimpft sind, könnten Virusvarianten entstehen, die den Impfschutz unterlaufen können.

Dass niedrige Fallzahlen auch aus ökonomischer Perspektive angestrebt werden müssten, betont Clemens Fuest, der Präsident des ifo-Instituts: „80 Prozent des wirtschaftlichen Einbruchs sind auf das Virus selbst zurückzuführen.“ Nicht der Lockdown bremse die wirtschaftliche Aktivität, sondern die Tatsache, dass das Virus da ist. Selbst wenn etwa Geschäfte und Kinos bei hohen Fallzahlen öffnen, gehen die Menschen also nicht hin, weil sie Angst haben sich anzustecken. Fuest hält es wirtschaftlich zudem für viel weniger schädlich, einen Lockdown, durchzuhalten, bis die Fallzahlen auf ein niedriges Niveau gesunken sind, statt einen ständigen Wechsel von Öffnen und Schließen.

Soziale Blasen, AHA-L, vermehrte Tests, reduzierte Reisen, besserer Schutz für Risikogruppen

Um zu etwa zehn Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern und Woche zu kommen, schlagen die Autorinnen und Autoren des Positionspapier eine Reihe von Maßnahmen vor. So sei es erforderlich, die Möglichkeiten für Home-office und Online-Unterricht zu verbessern. Auch sollten „kleine, stabile soziale Blasen“ und stabile Gruppen zu Hause und am Arbeitsplatz gegenüber ständig wechselnden Kontakten. Nach wie vor müssten Ansteckungen natürlich auch durch Abstandhalten, Hygienemaßnahmen, Gesichtsmasken sowie Belüftung und Verwendung von Filtern verhindert werden. FFP2-Masken müssten zur Verfügung gestellt werden für Bedürftige und für alle, die nicht von zu Hause aus arbeiten könnten. Die Menschen sollten geschlossene und überfüllte Räume vermeiden. Sie sollten zu Hause bleiben, wenn Symptome aufträten.

Außerdem sollten kostenlose Tests an Schulen und Arbeitsplätzen angeboten werden, um Ausbrüche frühzeitig zu erkennen und Menschen zu schützen. Die Testkapazitäten müssten erhöht werden, um die Nachfrage zu decken. Das Abwasser müsse überwacht werden, um örtliche Ausbrüche frühzeitig zu erkennen. Außerdem sollten mehr Abstriche auf die neuen SARS-CoV-2 Varianten überprüft werden. Der Reiseverkehr innerhalb von Staaten und über die Landesgrenzen hinweg müsse auf das Nötigste verringert werden. Tests und Quarantäne sollten von grenzüberschreitenden Reisenden verlangt werden; diese sollten 24 Stunden vor und sieben bis zehn Tage nach der Reise getestet werden.

Auch müssten der Schutz und die Unterstützung von älteren Menschen und gefährdeten Gruppen verbessert werden. Niedrige Fallzahlen und insbesondere eine niedrige Dunkelziffer verringerten die Risiken der Einschleppung deutlich. Außerdem müssten Impfungen beschleunigt werden und die Produktion von Impfstoffen erhöht werden. Auch unter Geimpften müssten Ansteckungen überwacht werden, um eine mögliche Neuansteckung mit neuen Varianten so schnell wie möglich zu erkennen.

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