Autor

Hannes Rakoczy hat von 1994 bis 2000 Psychologie und Philosophie studiert und 2004 in Psychologie an der Universität Leipzig promoviert.  Seit 2009 ist er Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Göttingen und Leiter des Kinderstudienzentrums „Göttinger Kindsköpfe“, in dem er mit Kollegen und Kolleginnen zusammen untersucht, wie sich das kindliche Denken entwickelt (www.kindskoepfe.uni-goettingen.de). 

Frag' den Wissenschaftler

Was ist Fantasie? Wie entwickelt sie sich?

Fantasie ist die Fähigkeit, sich vorzustellen, wie die Dinge sein könnten oder wie sie hätten sein können.  In der Fantasie spielen wir gedanklich durch, dass vieles anders wäre als es ist, und wir können uns sogar völlig fremde Welten vorstellen: Welten, in denen Honig in den Flüssen fließt und Schweine fliegen können, in denen Bäume sprechen,  in denen wir selbst Fußballweltmeister oder Königin von Deutschland sind. 

Die Fantasie ist eine Quelle großer Freude und Unterhaltung für uns – einen großen Teil unserer Freizeit verbringen wir schließlich voller Genuss damit, Bücher zu lesen, Filme zu schauen, Computerspiele zu spielen, in denen es um Fantasiewelten geht.  Aber die Fantasie ist auch von großem praktischen Nutzen: dadurch, dass wir uns vorstellen können, wie die Dinge sein könnten, können wir gedanklich Lösungen für ein Problem durchspielen, mögliche Szenarien für die Zukunft entwerfen und miteinander vergleichen – wir können, losgelöst vom Hier und Jetzt, das Dort und Dann planen. 

Die Fantasie entwickelt sich sehr früh in der Kindheit, spätestens ab dem zweiten Lebensjahr, und sie beginnt in Form des So-tun-als-ob- oder Fantasie-Spiels.  In dieser Zeit fangen Kinder in der Regel an, spielerisch so zu tun, als würden sie bestimmte Handlungen ausführen (essen, trinken, schlafen, Puppen füttern…) und so zu tun, als wären bestimmte Dinge der Fall (als wäre in der Spielzeugtasse Tee, als hätte das Kuscheltier eine Erkältung, als wären sie Prinz und Prinzessin…).  Sie bauen also in einfacher Weise Fantasiewelten auf, in denen sie sich spielerisch bewegen.  Diese Fantasiewelten sind anfangs sehr einfach und kurzlebig, werden aber über die Entwicklung hinweg immer komplexer und ausgefeilter – bis hin eben zu den verschachtelten Rollenspielfantasiewelten vom Jugendlichen oder den komplexen Fantasiegebilden die wir als Erwachsene in Romanen, Seifenopern und Theaterstücken genießen. 

Interessant ist dabei, dass die Fantasietätigkeit von Anfang an, und besonders am Anfang der Entwicklung, eine soziale, gemeinsam mit anderen betriebene Tätigkeit ist: die ersten Fantasiewelten, in denen wir uns bewegen, sind solche, die wir uns gemeinsam mit anderen aufbauen und teilen. Anfang sind diese anderen in der Regel Erwachsene, die das Spiel für Kinder vorstrukturieren, aber nach und nach werden gemeinsam erfunden Spiele mit Gleichaltrigen immer wichtiger.  Solche gemeinsamen Fantasiespiele von Gleichaltrigen sind wiederum nicht nur großartigen Unterhaltung, sondern haben auch handfesten Nutzen: im Spiel können Kinder den Ernstfall proben, Rollen ausprobieren, die ihnen später im Ernst zukommen werden.

 
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