Autor

Dr. Gabriel Seiden
Dr. Gabriel Seiden

Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, Göttingen

Gabriel Seiden erhielt seinen Doktortitel am Technion-Israel Institute of Technology im Jahre 2006. Er ist derzeit PostDoc am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und forscht auf dem Gebiet der Strukturbildung in thermischer Konvektion und Plattentektonik.

Frage:

Wie orientieren sich Zugvögel?

Antwort:

Die unglaubliche Leistung von Zugvögeln, über tausende Kilometer hinweg von ihren Brutgebieten in ihre Wintergefilde zu fliegen, war für die Menschheit schon immer ein faszinierendes Rätsel. Allerdings konnten Wissenschaftler erst im letzten Jahrhundert mit Hilfe moderner Technik erste Erkenntnisse darüber gewinnen, auf welche Art und Weise Vögel sich auf diesen langen Reisen orientieren, um auch wirklich immer wieder ihre Ziele exakt finden zu können.

Überraschenderweise verwenden Vögel Methoden, die denjenigen sehr ähneln, die der Mensch im Laufe der Zeit entwickelte, um sich in unbekannter Umgebung zu orientieren. Um lange Strecken auf unbekanntem Terrain zurückzulegen, muss man nicht nur jederzeit wissen, wo man ist, sondern auch, in welche Richtung man gehen muss. Dazu benutzen wir beispielsweise Karte und Kompass.

Unterschiedliche Vögel benutzen auch unterschiedliche Techniken zur Orientierung. Der Star zum Beispiel orientiert sich weitestgehend an der Sonne. Studien konnten zeigen, dass bei bewölktem Himmel der Star Schwierigkeiten hat, seinen vorbestimmten Weg zu finden. Demgegenüber fliegt der Indigofink hauptsächlich nachts und orientiert sich am Sternenhimmel, wie in Planetarien mit künstlichen Sternenhimmeln nachgewiesen werden konnte.

Die erstaunlichste Entdeckung aber war zweifelsohne, dass Vögel sich ebenfalls am Magnetfeld der Erde orientieren können, genau wie der Mensch mit Hilfe des Kompasses. Dazu wurden große Magnetspulen benutzt, welche im Vogelkäfig ein beliebiges Magnetfeld erzeugten. Ornithologen konnten somit zeigen, dass die Richtung, in die die Vögel losflogen, sehr stark vom angelegten Magnetfeld abhängt und von den Wissenschaftlern beeinflusst werden kann. Dabei scheint das Magnetfeld den Vögeln nicht nur die Richtung anzuzeigen, sondern im Gegensatz zum Kompass des Menschen auch noch die ungefähre Position. Werden Brieftauben in Gebieten freigelassen, in denen Magnetfeldanomalien vorkommen (beispielsweise durch erhöhten Eisengehalt in der Erdkruste), so finden sie meist erst dann ihren Weg zum Taubenschlag zurück, wenn sie diesen Anomalien entkommen sind.

Neueste Experimente legen ebenfalls die Vermutung nahe, dass auch der Geruchssinn den Vögeln hilft, ihre Position zu bestimmen. Hat der Vogel schon fast sein Ziel erreicht, befindet sich also in schon bekanntem Gebiet, orientiert er sich anhand markanter Punkte in der Landschaft, um den Nistplatz zu finden.

 
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