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Priv.-Doz. Dr.  Michael  Schittkowski
Priv.-Doz. Dr. Michael Schittkowski

Universitätsmedizin, Göttingen

Priv.-Doz. Dr. Michael Schittkowski (41) hat an der Charité in Berlin Medizin studiert und dort 1997 promoviert. Er erhielt seine augenärztliche Ausbildung an den Universitätskliniken in Zürich, Kiel und Rostock. 2006 folgte die Habilitation. Seit 2008 ist er an der Universitätsmedizin Göttingen beschäftigt. Dort leitet er den Bereich für Schielerkrankungen und augenärztliche plastische Chirurgie der Abteilung Augenheilkunde.

Frage:

Warum macht Lesen kurzsichtig?

Antwort:

Aus medizinischer Sicht ist diese Frage noch nicht abschließend geklärt. Eine Vielzahl von Studien und Untersuchungen belegt jedoch, dass es in der Tat einen Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und so genannter Naharbeit gibt. Gemeint sind damit alle Tätigkeiten, bei denen das Auge auf einen Gegenstand in der Nähe fokussieren muss, also etwa das Lesen eines Buches. Lassen wir zunächst die Zahlen für sich sprechen: In Industrienationen gibt es deutlich mehr kurzsichtige Menschen als in nicht-industrialisierten Gesellschaften. Bei den Inuit in Grönland und Nordkanada etwa war Kurzsichtigkeit ursprünglich so gut wie unbekannt. Erst mit der Alphabetisierung trat dort Kurzsichtigkeit vermehrt auf. Während in Europa und den USA heute etwa zwei bis vier Prozent der Bevölkerung von kurzsichtig sind, liegt diese Zahl in vielen asiatischen Ländern wie etwa China oder Japan mit zehn bis zwanzig Prozent deutlich höher. Auch hier scheint die Erklärung in der Naharbeit und dem Lesen zu suchen zu sein. Denn in Asien werden Kinder besonders früh – oft schon im Alter von vier oder fünf Jahren – eingeschult.

Vieles deutet darauf hin, dass der Grundstein für die Kurzsichtigkeit im Kindesalter gelegt wird. Ausgenommen von dieser Beobachtung ist allerdings die vererbte Kurzsichtigkeit, die zwar oft deutlich stärker ist als die erworbene, jedoch mit etwa 0,2 Prozent nur einen kleinen Prozentteil der Bevölkerung betrifft. Doch was genau passiert, wenn ein Kind liest? Und warum führt dies zu Kurzsichtigkeit?

Entscheidend ist die Größe bzw. Länge des Auges. Das Auge kurzsichtiger Menschen ist sozusagen „zu groß“. Das Bild des betrachteten Gegenstandes wird deshalb vor statt genau auf der Netzhaut abgebildet. Im Ergebnis wirken Gegenstände in der Ferne unscharf.

Viele Theorien und Untersuchungen gehen davon aus, dass bei Kindern, die kurzsichtig werden, das Wachstum des Auges gestört ist. Das Auge wächst stärker, als es sollte. Ein Grund dafür könnte die bereits erwähnte Naharbeit sein. Wird ein Gegenstand in der Nähe fokussiert, muss man den Ringmuskel im Auge anspannen. Wird während der Naharbeit in die Ferne geschaut, fällt das Bild scheinbar hinter die Netzhaut. Dies scheint, vermutlich durch Vermittlung bestimmter Wachstumsfaktoren, einen Wachstumsimpuls auszulösen. Geschieht dies sehr häufig und auf Dauer, kann das Auge zu groß werden; besonders wenn vorliegende genetische Faktoren dies begünstigen.

Doch auch andere Faktoren scheinen einen Einfluss zu haben. Denn eigentlich schwankt die Größe des Auges in einem tageszeitlichen Rhythmus. Während das Auge um die Mittagszeit seine größte Ausdehnung erreicht, schrumpft es nachts wieder um etwa 0,015 bis 0,1 Millimeter. Dies entspricht etwa 0,05 bis 0,3 Dioptrin. Es gibt Studien die nahelegen, dass bei kurzsichtigen Kindern das Auge nachts nicht mehr ausreichend schrumpft. Einer Theorie zur Folge tragen die in Industrienationen durch Straßenlaternen und Nachtlichter erhellten Nächte zu diesem Phänomen bei.

Das Problem der zunehmenden Kurzsichtigkeit ist dabei mehr als nur ein kosmetisches. Da die Netzhaut kurzsichtiger Menschen stärker unter Spannung steht als die Normalsichtiger, leiden Kurzsichtige häufiger unter Netzhautablösung. Dennoch ist eine Lösung bisher nicht in Sicht. Ansätze, das Wachstum des Auges auf zellulärer Ebene mit Hilfe von Medikamenten zu regeln, waren bisher nicht erfolgreich. Und auch ob beispielsweise mehr Sport und Bewegung im Schulalltag helfen können, ist noch ungeklärt. Fest steht nur, dass wir in einer Bildungsgesellschaft wie der unseren kaum werden darauf verzichten können, Kindern schon früh das Lesen beizubringen.

 
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