Gemeinsam gegen Omicron

Europäische Länder müssen schnell gemeinsam handeln, um gegen Omicron vorzugehen, sagen Wissenschaftler*innen aus ganz Europa

13. Januar 2022

Ein multidisziplinäres Team von über 30 Wissenschaftler*innen aus ganz Europa hat sich zusammengeschlossen, um eine Stellungnahme zur Bekämpfung der Omicron-Variante von SARS-CoV-2 abzugeben. Die Stellungnahme wurde am 11. Januar 2022 im renommierten British Medical Journal (BMJ) veröffentlicht. In ihrem Aufruf zu koordiniertem Handeln warnen sie, dass Omicron weiterhin erheblichen Grund zur Sorge bereite, trotz Schlagzeilen, die nahelegen, dass Omicron eine mildere Form von COVID-19 verursacht. Daher rufen die Expert*innen zu sofortigem Handeln auf. Sie fordern Maßnahmen zur Verringerung der Zahl der Infektionen, zum Schutz der Kinder und zur Fortsetzung der Impfbemühungen.

Gemeldete Inzidenz in Europa seit Beginn der Pandemie. Es ist deutlich zu erkennen, dass die Inzidenz die früheren Spitzenwerte bereits bei weitem übertroffen hat. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung bei Omicron geringer ist, kann die extreme Zahl der Infektionen dennoch zu vielen schweren Fällen führen und die Krankenhäuser überfordern.
 

Aufgrund der Immunevasion durch Omikron ist in mehreren Ländern derzeit ein starker Anstieg der Inzidenz zu verzeichnen, der die bereits überlasteten Gesundheitssysteme in Europa bedroht. Behauptungen wie "Jede*r wird sich irgendwann mit Omikron anstecken." suggerieren, dass es keine Rolle mehr spielt, ob Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Wenn sich Menschen jedoch nicht mehr um den Schutz vor COVID-19 kümmern, könnte das zu einer noch schnelleren Ausbreitung führen. Es ist wichtig zu verstehen, dass bewährte evidenzbasierte Maßnahmen immer noch wirksam sind, um Infektionen zu reduzieren. Das internationale Team von Wissenschaftler*innen um André Calero Valdez von der RWTH Aachen konzentriert sich auf drei Gründe, warum sofortiges Handeln wichtig ist.

Erstens wird durch die Verringerung der Infektionszahlen auch die Belastung der Krankenhäuser sinken. Dies ist von entscheidender Bedeutung für den Schutz unseres ohnehin schon belasteten Gesundheitspersonals und der Gesundheitssysteme. Eine Verringerung der Fallzahlen wird auch zum Schutz kritischer Infrastrukturen beitragen, die durch Personalmangel aufgrund von Krankheit, Quarantäne und Selbstisolierung gefährdet sind. Die Maßnahmen, die zur Erreichung dieser Ziele erforderlich sind, sind gut etabliert und wissenschaftlich abgesichert. 

Zweitens ist es wichtig, Kinder zu schützen, da diese zum großen Teil noch nicht geimpft sind. Krankenhauskapazitäten für Kinder sind begrenzt und die Krankenhausbelegung der Kinder wird nicht so transparent erfasst und gemeldet wie die der Erwachsenen. Gleichzeitig könnte eine starke Ausbreitung des Virus auch zu einem Anstieg der Krankenhauseinweisungen bei Kindern führen. "Die Krankenhauskapazitäten für Kinder könnten an ihre Grenzen stoßen, wenn die Inzidenz zu schnell ansteigt. Daher ist es wichtig, Infektionen zu reduzieren und die pädiatrischen Krankenhauskapazitäten besser zu überwachen", bemerkt Autor Emil Iftekhar vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Die Bildung und das Wohlergehen der Kinder sind essentiell Um beides sicherzustellen, sollte der Schulunterricht in einer möglichst sicheren Umgebung fortgesetzt werden. Dafür ist eine umfassende Teststrategie wichtig, aber z.B. auch die Einhaltung hoher Standards fürs Lüften und das Tragen von Masken. Schulschließungen können als notwendig erachtet werden, sollten aber als letztes Mittel angesehen und durch alternative Unterrichtsformen (z. B. Distanzunterricht) kompensiert werden. In diesem Zusammenhang verweisen die Wissenschaftler*innen auf das Potenzial des europäischen Austauschs und der Zusammenarbeit im Hinblick auf bewährte Maßnahmen, die von der Europäischen Kommission oder dem europäischen Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gefördert werden könnten.

Drittens ist eine geringere Inzidenz notwendig, um Zeit für mehr Impfungen zu gewinnen. Impfungen, insbesondere die dritte Dosis, tragen dazu bei, die Zahl der schweren Fälle erheblich zu verringern. "Dieser Schutz ist auch gegen die Omicron-Variante noch vorhanden", unterstreicht Prof. Paul Wilmes von der Universität Luxemburg und Autor der Erklärung: "Eine frische Impfung schützt sogar teilweise vor einer Infektion."

Vorgeschlagene Maßnahmen zur Verlangsamung der Ausbreitung von Omicron in Europa. Die Verlangsamung der Ausbreitung von Omicron durch evidenzbasierte Maßnahmen ist nach wie vor wirksam und trägt zum Schutz von Gesundheitssystemen und kritischer Infrastruktur bei.
 

Die COVID-19-Pandemie war nie ein lokal begrenztes Problem. Daher sind Koordinierung und Zusammenarbeit in der Europäischen Union und der WHO von entscheidender Bedeutung, um die Auswirkungen der Omicron-Welle in Europa und weltweit zu verringern. Dies betrifft zum Beispiel den Umgang mit der Infodemie, also der Flut von Information wie auch Misinformation: "Die Gesundheitsbehörden müssen sich mehr anstrengen, um das Vertrauen der Bevölkerung aufrechtzuerhalten und die schädlichen Auswirkungen der Infodemie zu mildern", fordert Dr. Elena Petelos von der Universität Kreta und der Universität Maastricht, die ebenfalls Mitverfasserin der Erklärung ist. Schließlich ist auch die Zusammenarbeit für die weltweiten Impfbemühungen von entscheidender Bedeutung. "Die derzeitige Situation macht deutlich, wie wichtig die Unterstützung von Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen ist, zum Beispiel durch Initiativen wie 'Access to COVID-19 Tools (ACT)' und 'COVID-19 Vaccine Access Facility (COVAX)'. Dies wird nicht nur dazu beitragen, neue Varianten zu verhindern, sondern sollte im Geiste der Solidarität eine Selbstverständlichkeit sein", sagt Dr. André Calero Valdez. 

"Wenn auch in milderer Form, setzt der Immun-Escape von Omicron die Gesundheitssysteme unter hohen Druck. Diesen Druck zu verringern ist entscheidend, um erneute weitreichende Maßnahmen wie Schließungen oder Lowdowns zu vermeiden. ", ergänzt Dr. Miquel Oliu-Barton von der Universität Paris-Dauphine.

Zur Redakteursansicht