Nachhaltige Strategien gegen die COVID-19-Pandemie in Deutschland im Winter 2021/2022

11. November 2021

Die Forschungsgruppe von Viola Priesemann am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation hat eine aktuelle Stellungnahme führender internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anlässlich möglicher Strategien für eine Pandemiebekämpfung im Winter koordiniert. Im Folgenden findet sich die Zusammenfassung der gemeinschaftlich erarbeiteten Situationsbeurteilung; der Link zur vollständigen Stellungnahme befindet sich im Seltenmenü.
 

Seit Juli 2021 ist auch in Deutschland die Delta-Variante des SARS-Coronavirus-2 (SARS-CoV-2) dominant. Sie ist deutlich ansteckender als die bisher bekannten Varianten. Das bedeutet ein hohes Risiko für Ungeimpfte, sich anzustecken. Dazu kommt, dass der Impfschutz ohne Dritt-Impfung (“Booster”) mit der Zeit kontinuierlich nachlässt. Nach fünf Monaten sinkt der Schutz gegen Ansteckung von einem Faktor von etwa 10 auf einen Faktor 2-3. Dadurch tragen aktuell nicht nur die ungeimpften Personen zur Ausbreitung des Virus bei, sondern auch jener Teil der Bevölkerung, bei dem die Impfung schon länger zurückliegt. Zusammen mit der Saisonalität schlägt sich das in einem rapiden Anstieg der Inzidenzen nieder.

Die aktuelle Situation ist dadurch sehr kritisch. Die exponentiell steigenden Inzidenzen sind direkt mit der Belegung auf den Intensivstationen gekoppelt. Um einer dauerhaften Überlastung der Intensivstationen entgegenzuwirken, ist insbesondere das Impfen und die Verbesserung des Impfschutzes durch eine Dritt-Impfung nachhaltig wirksam. Impfungen haben zwei Schutzwirkungen: Sie schützen die geimpfte Person vor schwerer Erkrankung und ihre Umgebung vor einer Übertragung. Mit jeder Verbesserung des Impfschutzes wird also sowohl die Ausbreitung als auch die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufes reduziert. Das Boostern und das Schließen der Impflücken ist deswegen extrem hilfreich.

Die Ausbreitungsdynamik der Pandemie hängt von dem Gleichgewicht zwischen destabilisierenden und stabilisierenden Beiträgen ab


Aktuell stehen Impfstoffe in ausreichender Menge zur Verfügung. Neu auf den Markt kommende Impfstoffe, die zu den “klassischen” Protein-Impfstoffen zählen, könnten das weiter unterstützen, besonders bei Personen, die den bisherigen Impfstoffen kritisch gegenüberstehen. Besonders bei den zuerst Geimpften, d.h., den Personen, die durch ein fortgeschrittenes Alter und eine Grunderkrankung ein erhöhtes Risiko eines schweren Verlaufs haben, ist der Schutz inzwischen deutlich niedriger, und dadurch wird auch die Belastung der Krankenhäuser durch diese Gruppe wieder zunehmen. Eine rasche Dritt-Impfung dieser recht großen Gruppe, sowie all jener, die Kontakte zu vulnerablen Personen haben, reduziert die erwartete Belastung des Gesundheitssystems deutlich.
Eine deutliche Reduktion der Infektionsdynamik wird aber erst mit Hilfe wirklich flächendeckender Dritt-Impfungen erreicht werden können. Nötig ist hierzu allerdings eine erhebliche Beschleunigung des Impftempos für die Dritt-Impfungen: Da seit Ende Mai ca. 7 % der Bevölkerung pro Woche zweit-geimpft wurden, wäre nun die gleiche Impfgeschwindigkeit bei der Dritt-Impfung 5-6 Monate später möglich und sinnvoll. Simulationen zeigen, dass eine Booster-Kampagne mit dieser Impfgeschwindigkeit bereits nach einem Monat erste Wirkung zeigen wird.


Bis ein ausreichender Teil der Bevölkerung geboostert und geimpft ist, bedarf es in der aktuellen Situation zudem deutlicher und wirksamer Maßnahmen zur Überbrückung, wenn die Intensivstationen nicht stark überlastet werden sollen. Hier sind die bekannten AHA+LA Regeln, sowie konsequent durchgesetzte und flächendeckende Regeln und Testkonzepte im Arbeits- und Freizeitbereich wichtig und hilfreich. Eine vermehrte Testung als alleinige Maßnahme wird zur Durchbrechung der beginnenden Winterwelle wohl nicht reichen. Die Wirksamkeit möglicher Maßnahmen beschreiben wir im Detail im Text. Jedoch sind das nur Überbrückungsmaßnahmen, da sie das Problem der zu hohen Ausbreitungsgeschwindigkeit nicht direkt adressieren, sondern es stattdessen der “natürlichen Immunisierung” durch Infektion überlassen. Die “natürliche Immunisierung” schreitet jedoch deutlich langsamer voran als das Impfen es könnte, und ist auch mit einer erheblichen Krankheitslast verbunden. Insofern erscheint ein schnelles und umfassendes Impfen und Boostern als die wirksamste Methode um die aktuelle Welle bald zu brechen und das Pandemiegeschehen nachhaltig zu kontrollieren.

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