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Prof. Dr. Bernd Ludwig
Prof. Dr. Bernd Ludwig

Georg-August-Universität, Göttingen

Der Philosoph Bernd Ludwig (50) machte sein Diplom in Physik an der Philipps-Universität Marburg, 1985 promovierte er dort in Philosophie mit einer Arbeit über Kants Rechtsphilosophie. 1998 Habilitation an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit zur Philosophie Thomas Hobbes'. Zwischenzeitlich arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und wissenschaftlicher Assistent an der Universität der Bundeswehr München, ferner lehrte er an der Ludwig-Maximilians-Universität München und an der Universität Ulm. Von 2000 bis 2002 war Ludwig Hochschuldozent für Philosophie an der Universität des Saarlandes. Seit Oktober 2002 ist er Professor für Philosophie an der Georg-August-Universität Göttingen.

Rolf Dootz
Rolf Dootz

Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, Göttingen

Rolf Dootz (27) hat an der Universität Ulm Physik studiert. Zurzeit arbeitet er am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen an seiner umfangreichen Doktorarbeit zum Thema „Untersuchung von DNS-Protein-Wechselwirkungen mit Hilfe von Techniken der Mikrofluidik“.

Frage:

Warum glauben wir?

Antwort:

Diese Frage ist in zwei Hinsichten merkwürdig. Einerseits muss der Satz noch vervollständigt werden, damit er zu einer vernünftigen Frage wird: Warum glaubt man etwa „… an die Liebe?“„…dass sich die Erde um die Sonne dreht?“ „… seinem Freund?“ Das sind drei ganz verschiedene Arten von Fragen, auf die man ganz verschiedene Arten von Artworten erwartet. Vermutlich wird mancher sagen: Blödsinn! Selbstverständlich ist hier nur die eine Frage gemeint: „Warum glaubt man an Gott?“ Vielleicht aber auch: „Warum glaubt man, dass es (einen) Gott gibt?“ Oder gar: „Warum glaubt man Gott?“ – also: Warum hält man das, was Gott einem sagt, für bedeutsam und zutreffend.

Nun, auf die letzte Frage könnte die Antwort relativ einfach sein – wenn man die ersten beiden schon beantwortet hätte: Wir glauben jemandem, wenn er vertrauenswürdig ist. Allerdings muss er zumindest auch etwas sagen, was wir ihm dann glauben können. Der letzte Punkt ist heikel: Dass Gott einfach so zu uns spricht, wird man schwerlich behaupten können. Warum glauben wir also, dass er zu uns spricht? Damit sind wir bei der zweiten Mekwürdigkeit, und die betrifft das „Warum“. Eine Antwort wäre: „Wir glauben, damit es uns besser geht, denn wir können ohne Hoffnung nicht leben!“. Eine andere: „Wir glauben, weil es sich in der Evolution als vorteilhaft erwiesen hat, an einen Gott zu glauben.“ Wiederum eine andere: „Wir glauben, weil wir dazu erzogen (unfreundlicher gesagt: dazu abgerichtet) wurden.“ Alle drei Antworten sind zutreffend (seien wir doch ehrlich!). Aber dennoch wird keine von ihnen jene zufriedenstellen, denen sich die Frage „Warum glaubt man?“ ernsthaft stellt. Man will ja vielmehr wissen, warum es „richtig“ ist, dass man glaubt (wenn man selbst glaubt) – oder aber, warum es „falsch“ ist, dass andere glauben (wenn man selbst nicht glaubt). Ausgerechnet auf diese Frage nun wird es aber keine besonders überzeugende Antwort geben.

Der heilige Augustinus wie der Atheist David Hume waren sich darin einig, dass der Glaube der Menschen schlicht ein Wunder ist, und zwar ein so großes Wunder, dass der, dem es widerfahren ist, keines eigenständigen Grundes mehr bedarf, um sich im Glauben gerechtfertigt zu fühlen. Wenn diese Überzeugung zutreffend ist – und es spricht vieles dafür, dass sie das ist - dann folgt zumindest eines: Die, die glauben, haben keinen besonderen Grund sich über die zu erheben, die nicht glauben – aber das gilt eben auch umgekehrt.

Das ist sicher keine Antwort auf die Frage „Warum glaubt man?“, aber es ist ein Hinweis darauf, dass eine Antwort auf diese Frage gar nicht so wichtig ist - wenn man sich nur darauf einlässt, ein wenig darüber nachzudenken.

Antwort des Physiker:

Um uns an diese Frage heranzutasten – eine erschöpfende Antwort ist an dieser Stelle leider nicht möglich –, müssen wir zunächst eine Definition des Begriffes vornehmen. Philosophisch vorgehend, können wir Glauben als ein „Fürwahrhalten“ verstehen. Dieses ist dabei vollkommen unabhängig davon, ob dieser Glaube objektiv begründbar ist. Im Gegenteil, der Alltag zeigt uns, dass es uns für die meisten Dinge, an die wir glauben, reicht, wenn wir sie subjektiv für wahr halten. Damit gewinnt der Glauben eine viel allgemeinere und fundamentalere Bedeutung, die sich nicht in religiösen Vorstellungen erschöpft.

Glauben ist vielmehr als Vermutungswissen zu sehen, dass wir immer dort einsetzen, wo wir nicht mehr auf gesichertes Wissen zurückgreifen können. Glaube füllt dadurch die Leere, die zwischen unserem (gesicherten) Wissen und der Unwissenheit entsteht, und ist dabei gleichsam eine Brücke, die es uns erst ermöglicht weiteres Wissen zu erlangen, Hypothesen zu formulieren und Theorien aufzustellen. Vor jeder gesicherten Erkenntnis stand zunächst der Glaube. In diesem Sinne gibt es auch keinen berechtigten Glauben – dann müsste man von Wissen sprechen – und auch keinen unberechtigten Glauben – dann müsste man von Irrtum sprechen. Als einziges Kriterium, Glauben zu beurteilen, bleibt die Nützlichkeit eines Glaubens übrig, also die Frage, in wie weit es einem Menschen hilft, dies oder jenes zu glauben.

 
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